Skandale in Halle an der Saale
letzte Aktualisierung: 20.02.2012

Als in der DDR der 1980er Jahre endgültig Theorie und Wirklichkeit auseinanderklafften und der Spagat zwischen den steigenden materiellen Wünschen der Bevölkerung einerseits und dem aussichtslosen Kampf zwischen Reparationszahlungen, Devisenbeschaffung, Rohstoffknappheit und Fachkräftemangel gepaart mit den Leitungs- und Führungsdefiziten einer wirklichkeitsfremden Altherrenriege andererseits schließlich zum überspannten Bogen wurde, war auch das von Kohle- und Chemiemief ergraute und infolge der wachsenden Versorgungsdefizite verfallende Halle an der Saale reif für eine neue Zeit.

Es kann nur besser werden - das waren der Glaube und die Hoffnung vieler, als nach dem offen demonstrierten Unmut auf den Straßen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) das alte System ins Wanken geriet und alles möglich schien. Über 20 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten erklingen Lobeshymnen, die den Eindruck erwecken, als hätte sich das Erhoffte erfüllt. An dieser Stelle nun soll für Halle an der Saale beispielhaft gezeigt werden, dass die Realität etwas anders aussieht. Bei genauem Hinsehen hat die Nachwendegeschichte der Stadt Halle neben einigen Erfolgsgeschichten auch Schattenseiten, die auf dieser Seite beispielhaft behandelt werden.

Sparkassen-Skandal
Wenige Monate nach der Währungsunion hat das Geldinstitut den bis dahin größten Bankenskandal der Nachkriegsgeschichte hingelegt. Ostdeutsche Sparkassenangestellte, die den Tücken und Risiken des Geldgeschäfts völlig unerfahren gegenüberstanden, verliehen aus den Spareinlagen fast 700 Millionen Mark an rund siebzig westdeutsche Kreditnehmer. Zwölf Wochen dauerte der Spuk, dann merkte man in Halle, daß man das Geld allzu freizügig herausgegeben hatte. Viele der Kredite waren faul. Die Sparkasse mußte nach endlosen Prozessen und Fahndungspannen 434 Millionen als Verlust verbuchen. Den Schaden hatten die Bürger der Stadt Halle.

Bauloch an der "Spitze"
Auf der Spitze, dem Gelände unterhalb des Hallmarktes, hatte die DDR bereits in den 80er Jahren mit Abriss begonnen. Schließlich wurden Pfähle in das bautechnisch schwierige Saaleschwemmland gerammt, um den bereits in den 1960er Jahren hier geplanten Stadtpalast bauen zu können. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der Baustelle. Nach der Wende baute zunächst nur das Computersystemhaus Vobis eine provisorische Blechhalle an die Peripherie zum Hallmarkt. Unter Halles OB Klaus Rauen und seinen Stadtplaner Friedrich Busmann wurde ein Wettbewerb zur Bebauung der Spitze durchgeführt. Die Unternehmen Philipp Holzmann und die Köllmanngruppe - beide zwischenzeitlich insolvent - teilten sich die Baustelle. Gebäude für die Stadtwerke Halle und den Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) entstanden sowie die Händel-Halle für Kongresse und Kulturveranstaltungen. Gebaut wurde zudem eine Tiefgarage. Auf dem Areal der Köllmann-Gruppe blieb jedoch ein Bauloch. 2010 gab es für dieses Loch noch immer keine Lösung. Inzwischen hatte die Postbank als Gläubigerbank das Areal an das Bauunternehmen Günther Papenburg (GP) verkauft, der damit liebäugelte, für die Martin-Luther-Universität in Halle das ohnehin geplante neue Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum (GSZ) bauen zu können. Ein jahrelanger Streit zwischen der Stadt Halle und dem Land Sachsen-Anhalt um den Baustandort endete 2009 endgültig mit der Aussage des für die Uni zuständigen Landes, das GSZ auf ein Teilgelände der Landwirtschaftlichen Fakultät in der Abderhaldenstra&sazlig;e bauen zu wollen. Anfang 2012 wird bekannt, dass das Land Sachsen-Anhalt im Internet eine Ausschreibung für den Neubau des Finanzamtes Halle Saale lanciert hat, deren Parameter auf die Eckwerte des Bauloches an der Spitze zugeschnitten sind.

Verfall der Freyberg Brauerei
Bier von Meisterbräu, zumindest das, was es üblicherweise in Halles Kaufhallen gab, war wahrlich nicht die Krönung deutscher Braukunst, doch es war ein größerer Betrieb mit Tradition. Im VEB Getränkekombinat Halle wurde bis 1990 Bier hergestellt. 1990/91 kam die Traditionsbrauerei EKU aus Kulmbach. 1995 wurde der Brauerei-Betrieb in Halle eingestellt (Das Meisterbräu, das es heute zu kaufen gibt, kommt aus einer sächsischen Brauerei). 1996 meldete die Erste Kulmbacher Actienbrauerei (EKU) Insolvenz an. Immerthin hatte die Stadt halle 1995 den beantragten Abriss der Brauereigebäude verhindert. Ein Bayer kaufte schließlich das Gebäudeensemble in Halle-Glaucha an der Saale mit hochtrabenden Plänen einer Sanierung und Nutzung. 2010 war das Industriedenkmal noch immer dem Verfall preisgegeben. Anfang 2012 wurde das zwischenzeitlich von der halleschen Immobilienfirma Immohal gehandelte Objekt nach dem Verkauf einem Recyclingunternehmen als Standort dient.

Abriss der Zuckerfabrik 2006
Die Zuckerfabrik an der Raffineriestraße, ein hervorragendes Ensemble repräsentativer Industriebauten aus der Zeit um 1900, wurde für den US-amerikanische Computerhersteller Dell abgerissen. Dabei gab es in der Nachbarschaft eine fü die Ansiedlung eines Dell-Callcenters (der Traum von einer Produktionsstätte erfüllte sich nicht) v&oum;llig ausreichende Industriebrache und in der Stadt hätte es weitere, ähnliche Standorte gegeben.

Abriss des Fernsehgerätewerkes 2008
Wie in so vielen Fällen nach der Wende im Osten Deutschlands gab es auch für das teils mit Alt-, teils mit Neubauten bebaute Riebeckkarree an der Rudolf-Breitscheid-Straße hochtrabende Pläne. Es blieben Luftschlösser und so war das Gelände des Fernsehgerätewerkes dem Verfall preisgegeben. 2008 rückte das Abrissunternehmen Caruso aus Sachsen mit schwerer Technik an und machte alle Gebäude platt, nachdem das benachbarte Hotel "Maritim" wegen des fürchterlichen Anblicks des verwahrlosten Geländes zwei Häuser nach zähem Ringen mit Halles Behörden mit einer riesigen Halle-Collage verhängt hatte. Nach dem Abriss ließ die Stadt das Areal spärlich bepflanzen sowie Wege und einen Parkplatz anlegen. Die umgestaltete Flaäche stellte sie 2010 als eines ihrer Objekte zur Internationalen Bauausstellung aus.

Abriss der Wohntürme am Riebeckplatz
2001 wurde die zwei Ende der 1960er Jahre in der DDR errichteten Betongleitkern-Stahlskelett-Hochhäuser an der Mündung zur Franckestraße leergezogen. Begründung der Hauseigentümerin HWG (100prozentige Tochter der Stadt Halle, hervorgegangen aus dem VEB Gebäudewirtschaft): Die Häuser sollen saniert werden. Nur drei Jahre später wurde der Abriss beschlossen. Eine Studie von Acerplan, Nachfolger des ehemaligen Baubetriebs des BMK Chemie, hatte zu dem Schluss geführt, dass die Sanierung zu teuer wird. Als publik wurde, dass mit Steuergeldern abgerissen werden soll und der Hamburger Klinikunternehmer Ulrich Marseille für die Wohntürme einen Millionenbetrag bietet, wuchs der Protest in der Bevölkerung und Halles Stadtrat forderte eine erneute Prüfung. Es folgten ein internationaler Gestaltungswettbewerb für den gesamten Riebeckplatz, ein Architekturwettbewerb zur Neugestaltung der Hochhäuser und ein Runder Hochhaustisch "Was sind uns die Hochhäuser wert?". Die HWG trug immer wieder vor, dass kein Weg am Abriss vorbeiführe und verschwieg nicht nur, dass Herr Marseille mehrfach Kaufangebote gemacht hat. Auch blieb gegenüber der Stadt unerwähnt, dass es mit dem Hallenser Bauunternehmer Ingo Schleicher (Villa del Vino) mindestens einen weiteren Interessenten gegeben hatte. Zwischenzeitlich interessierte sich wiederholt auch der Landesrechnungshof für die Hochhäuser, weil nach einer Anzeige Marseilles der Vorwurf im Raum stand, dass für den Abriss Steuergelder verschwendet würden. Zum Jahreswechsel 2009/2010 erklärte die HWG, dass der schon 2007 vorgesehene Abriss nun im Sommer 2010 beginnen werde. Das Landesbauministerium hatte da gerade die beantragten Fördermittel freigegeben. Doch die Diskussion um die Hochhäuser wurde weiter erbittert geführt, Dabei ging es unter anderem um die Frage, um die Türme nicht Solarkraftwerke werden könnten. Im Frühjahr 2011 war der Abriss tatsächlich erledigt. Seit Anfang des Jahres 2012 läft der Abriss des zweiten Hochhauses.

Von 1967 bis 1970 war der gesamte alte Riebeckplatz, dessen Bebauung im Zweiten Weltkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war und der inzwischen Thälmannplatz hieße, als moderner Gegenentwurf zur bürgerlichen Stadt entstanden. Allerdings damals schon als abgespeckte Variante viel größerer Umgestaltungspläne.

Böllberger Mühle ausgebrannt
Nach dem Ende der DDR 1990 standen die Gebäude der ehemaligen Hildebrandtschen Mühlenwerke in Halle-Böllberg an der Saale bald leer. In den Folgejahren brannte es drei Mal. Viel wurde zerstört. 2011 diente das Objekt als Kulisse für einen Kriegsfilm. Zum selben Zeitpunkt hatte ein Privatmann das Objekt gekauft und plante, die alten Turbinen des Hauses für den Betrieb eines Wasserkraftwerkes zu reaktivieren.

Solbad Wittekind
Historische Bauwerke galten in der DDR der 60er Jahre wenig, weil sie für die alten, überwundenen Ausbeutersysteme standen. Der neue, sozialistische Mensch wohne nicht mehr in dunklen Mietshäusern mit Kohleheizung und Etagenklo, sondern in lichten Neubauten (aus Fertigteilen / Betonplatten) mit Badzelle und Fernwärmeanschluss. Der industrielle (Wohnungs)Bau war auf dem Vormarsch. Aus kleinen Betrieben wurden große Kombinate. Die Folge: Handwerksbetriebe starben aus, alte Handwerksberufe blieben auf der Strecke. Hinzu kam ein sich immer weiter verschärfender Materialmangel. In der Folge musste viel und billig neu gebaut werden, während für die Altstadt kam Mittel vorhanden waren. Die Gebäude verfielen. Das Schicksal ereilte auch das Solbad Wittekind. Doch während für nicht wenige Häuser in Halle die Angliederung Ostdeutschlands an den Westen und die Marktwirtschaft die Rettung in letzter Sekunde war, ist die Situation für das Wittekindbad auch 2011 noch dramatisch gewesen. Immer wieder gab es Pläne für die Rettung des Objekts. Sie scheiterten allesamt. Mal hatte der Denkmalschutz einwände, mal blieb es bei Träumereien, schließlich verschwanden große Mengen Geld, mit denen die Rettung schon gesichert schien. Im Herbst 2011 hatte die Stadt fünf neue Interessenten gefunden.

Abriss des McCormick-Wandbildes in der Merseburger Straße
Nach der Jahrtausendwende tauchte nach dem Abriss eines Gebäudes in der Merseburger Straße ein wunderbares Wandbild aus der Kaiserzeit auf. Es handelte sich um eine Werbung für eine mechanische Rasenschnittmaschine der amerikanischen Firma McCormick. Unter der Abbildung der Landtechnik vor einem Strahlenkranz befand sich ein Stab, um die Fahnen des Deutschen Kaiserreiches und der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) geschlungen waren. Die regioanle Presse wurde auf das Bild aufmerksam, Halles Denkmalschützer aber offenbar nicht. Denn nur wenige Jahre später wurde das Gebäude abgerissen, an dem sich das Bild befand. Über Tage war zu sehen, wie es langsam verschwand. Es gab weder Sicherungsmaßnahmen, noch wurde bekannt, dass der in Halle sonst oft so strenge Denkmalschutz interveniert hätte.

Bundeskanzler Helmut Kohl wird mit Eiern beworfen
Ein Vertreter der Jusos (Jugendbewegung der SPD) bewarf Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Marktplatz mit rohen Eiern bei dessen Besuch am 10. Mai 1991 in Halle an der Saale. Kohl verlor die Beherrschung, rannte zum Zaun an der Bannmeile und wollte sich schlagen. Die Bilder gingen durch die Medien. Heute ist die Szene einer der Klassiker im Internet-Videokanal Youtube. Auch das ZDF hat die Szene archiviert. (hier).

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