"Chemiearbeiterstadt" Halle-Neustadt (gegr. 1964)
letzte Aktualisierung: 06.08.2011
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wuchs Halle explosionsartig. Nachdem die Lücken
zu den angrenzenden Dörfern geschlossen und diese eingemeindet waren, suchten
Halles Stadtväter seit den 1920er Jahren händeringend nach neuem Bauland.
Auch, weil die Forderung der Arbeiter nach lebensfreundlicherem Wohnraum immer lauter wurde.
Eine Neustadt sollte entstehen. Bereits damals blickten man westwärts über
die Saale, wo zwischen den Dörfern Passendorf und Nietleben noch viel Platz
zum Bauen war. Bei genauerer Prüfung erwieß sich eine Bebauung wegen
der ungünstigen Grundwasserlage (Saaleaue) jedoch als technisch zu aufwändig. Die Pläne
wurden verworfen. Die DDR kam jedoch schon bald darauf zurück.
Es entsprach dem Zeitgeist und dem Selbstverständnis der DDR, als erster sozialistischer
Staat auf deutschem Boden gerade das zu wagen, was die "Kapitalisten" nicht gewagt hatten. Staatschef Walter
Ulbricht schwebte eine Demonstration der Stärke des Sozialismus vor.
Beschleunigt wurden die Überlegungen durch den enormen Arbeitskräftebedarf
der nahen Chemiewerke Leuna und Buna und die kostenintensive Sanierung von Alt-Halle.
Im halleschen SED-Parteiorgan "Freiheit" entwarfen Planer und Leser die
kühnsten Gedanken, wie diese neue Stadt aussehen könnte. Manch einer
träumte sogar von einer U-Bahn. Doch kühle Rechner stoppen derlei
Fantasieblüten: Eine U-Bahn lohne sich erst in einer Stadt ab einer Millionen
Einwohner. Halles Einwohnerzahl lag seinerzeit gerade mal bei einem Drittel.
Die besten Architekten der DDR, darunter Richard Paulick, machten sich ans Werk.
Aber auch sie konnten nicht alle Träume verwirklichen. Neben der U-Bahn schieden
auch Tiefgaragen und eine Straßenbahn aus Kostengründen aus. Denn worum es der
DDR vordergründig ging, war die Errichtung einer industriell vorgefertigten,
modernen Fertigteilstadt, die schnell und kostengünstig Wohnraum für bis zu
100.000 Menschen bietet. Paulick holte sich entsprechende Inspirationen aus aller
Welt, vor allem aus Skandinavien.
1964 war es dann soweit. Horst Sindermann, seinerzeit erster Sekretär der SED-Bezirksleitung,
legte den Grundstein für das neue Wohngebiet, das zunächst Halle-West hieß. Ein in der deutschen
Geschichte beispielloses Neubauprogramm rollte an. Mit großem Tempo wurden in der
Schlammwüste (daher stellen viele Neustädter bis heute ihre Schuhe vor der Wohnungstür ab)
westlich der Saale die ersten Wohnblöcke hochgezogen. Um im größtmöglichen Tempo
bauen zu können, wurden ein eigenes Wohnungsbaukombinat (WBK) und ein Plattenwerk eingerichtet.
Taktstraßen entstanden. Als ökonomischte, modernste zugleich schnellste Variante des Bauens wurde
die Plattenbauweise, also das Bauen mit vorgefertigten Betonplatten, angewandt. Das Verfahren der Plattenherstellung wurde
ständig verbessert. Schließlich wurde ein Betonband gegossen, wo sich Zusätze wie etwa Kacheln am
Fließband anbringen ließen und die jeweiligen Platten im gewünschten Maß abschneiden ließen.
Gebaut wurde in so genannten Taktstraßen (Es gab sogar eine Zeitung "Taktstraße").
Generell galt: Die Bebauung sollte weiträumig sein, damit auch das Erdgeschoss noch Sonne bekommt,
Versorgungseinrichtungen wie Kaufhallen, Dienstleistungen, Kindergärten und Schulen
sollten für alle in maximal zehn Minuten erreichbar sein. Später sorgten die
Planer für reichliche Begrünung (Neustadt ist Halles grünster Stadtteil)
und zahlreiche Kunstwerke (Wandbilder, Plastiken, Brunnen usw.) im gesamten Stadtgebiet.
Zu Honeckers Zeiten sollte Halle-Neustadt eine eigenständige Großstadt
mit 100.000 Einwohnern werden. Als 1989 die politische Wende kam, war Halle-Neustadt
zwar eine eigenständige Stadt mit der Oberbürgermeisterin Liane Lang,
doch wohnten dort nur etwas mehr als 90.000 Menschen und ein eigenes Rathaus war
gerade erst im Bau (zuvor hatte in einem normalen Wohnblock nur ein Provisorium
bestanden). Heute wohnen nur noch rund 45.000 Menschen in Neustadt (Stand 2009).
Halle-Neustadt-Museum
In Halle-Neustadt gibt es ein kleines Museum, das die Geschichte der Stadt dokumentiert.
Der Heimatbund Passendorf unter der Leitung des halleschen Stadtratmitglieds Erwin
Bartsch hat die Museumsstücke zusammengetragen.
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Kreuzworträtsel-Mord
"Tötungsverbrechen in Halle-Neustadt ist aufgeklärt". Hinter der knappen Meldung der Halleschen
Tageszeitung vom 21. November 1981 verbirgt sich eine der wohl spektakulärsten und aufwändigsten
Ermittlungsaktionen in der Kriminalgeschichte der DDR: Am 15. Januar des Jahres war ein siebenjähriger
Junge aus Halle-Neustadt bei einem Kinobesuch verschwunden. Zwei Wochen später findet ein Streckenläufer
der Deutschen Reichsbahn an einem Bahndamm zwischen Halle und Leipzig einen Koffer mit der Leiche des Jungen.
Der Koffer ist ausgestopft mit zerknülltem Zeitungspapier. Auf einigen der Zeitungsseiten befinden sich
ausgefüllte Kreuzworträtsel. Wenige Buchstaben-Kombinationen, alles andere als eine heiße Spur. Da es aber
keine weitere gibt und die "Zentrale" vehement auf Erfolgsmeldungen drückt, bleibt den Ermittlern nichts
anderes übrig, als dieser dürftigen Spur zu folgen. Sie versuchen herauszufinden, wer das Kreuzworträtsel
ausgefüllt hat, in der Hoffnung, damit in die Nähe des Mörders zu kommen.
Eine Aktion rollt an, die beispiellos geblieben ist. Hunderte Polizisten, freiwillige Polizeihelfer und MfS-Mitarbeiter
gehen in Halle-Neustadt auf Klingeltour, um "individuelle Schreibleistungen" einzuholen, wie es im Polizeideutsch
etwas umständlich formuliert war. Treppauf, treppab werden die Bürger von Halle-Neustadt aufgesucht, um einen
zunächst langen, dann immer kürzeren Text zu Papier zu bringen, der von Schriftexperten ausgeklügelt worden war.
Hartnäckige Verweigerer werden registriert, ihre Schriftproben werden konspirativ beschafft. Ganze Schwärme von
Jungen Pionieren werden aufgeboten, um Abfallberge nach Altpapier zu durchforsten. 60 Tonnen Zeitungspapier sind
das Ergebnis. Parallel werden die so genannten Kaderabteilungen sämtlicher Betriebe in Halle abgeklopft: 100.000
Schriftvergleiche werden hier genommen. 30.000 Anträge auf Wohnraumzuweisung werden durchgearbeitet, ebenso 250.000 Anträge
auf einen Ausweis und 90.000 ausgefüllte Telegrammformulare. Nicht zuletzt 40.000 Bestellscheine, auf denen die
Hallenser ihre Trabi- und Wartburg-Bestellungen aufgegeben hatten. Insgesamt wird die enorme Menge von 551.198
Schriftproben ausgewertet. Nach zehn Monaten, kaum jemand glaubt noch an den Erfolg, sind die Ermittler endlich
am Ziel. Die Erfolgsgeschichte der Volkspolizei war - leicht modifiziert - bereits kurze Zeit später im
Fernsehen der DDR in der Kriminalserie "Polizeiruf 110" zu bestaunen.
Der hallesche Schriftsteller und Krimiautor Harald Korall hat das Geschehen in einem Roman verarbeitet.
Hans Girod hat dazu das Buch "Der Kreuzworträtselmord und andere Kriminalfälle der DDR" geschrieben.
Chronik Halle-Neustadt
1958
Das Zentralkommittee der SED berät das Chemieprogramm der DDR.
17. September 1963
Das Politbüro der SED beschließt den Bau der Chemiearbeiterstadt.
1. Februar 1964
Das Plattenwerk zur Fertigung von Betonfertigteilen wird eröffnet.
7. April 1964
Die Planungen werden an die Entwurfsgruppe "Städtebau" unter der Leitung von Chefarchitekt Prof. Dr. Richard Paulick übergeben.
15. Juli 1964
Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Horst Sindermann, legt den Grundstein für den neuen Wohnbezirk Halle-West.
9. August 1965
Die ersten Mieter ziehen im Block 612 (heute Akener Bogen) ein.
24. April 1967
Der Bahnverkehr von Halle-West nach Buna und Leuna wird aufgenommen.
12. Mai 1967
Der Stadtteil Halle-West wird in Halle-Neustadt umbenannt.
2. Juli 1967
Die Bürger von Halle-Neustadt wählen ihr erstes Stadtparlament. Erster Bürgermeister wird Walter Silberborth.
14. Juli 1967
Halle-Neustadt erhält das Stadtrecht.
1968
Grundsteinlegung für die Schwimmhalle.
1969
Aufnahme des S-Bahn-Verkehrs zwischen Halle-Dölau und Halle-Hauptbahnhof.
Mai 1970
Das zentrale Lehrlingswohnheim wird übergeben.
1970
Liane Lang wird Oberbürgermeisterin von Halle-Neustadt und gilt zu der Zeit als die jüngste Bürgermeisterin der DDR. Zuvor leitet sie das Neubaugebiet Bitterfeld-Nord.
1971
Kinderkrankenhaus und Bildungszentrum werden eröffnet.
1972
Die "Station junger Techniker und Naturforscher" wird eröffnet.
1974
Das Passendorfer Schlösschen wird zum Klubhaus "Johannes R. Becher".
1979
Grundsteinlegung für das Kino "Prisma".
1982
Bei Bauaktivitäten am Block 003 kappen Mitarbeiter des Straßen-Tiefbau-Brücken-Kombinats (STBK)
ein Fernsehkabel des Magistralennetzes. In 10.000 Wohnungen fielen daraufhin Fersehen und Ukw aus. Zu weiteren
Zwischenfällen kam es im September 1982 an den Blöcken 224, 619 und 635.
1983
Die Montage des Wohngebiets am Südpark beginnt. Das Kino "Prisma" (mit moderner Klimaanlage)
wird eröffnet. Der Satelittenempfang des sowjetischen Senders Moskau I in der Garnison Heide
("Russenkaserne") wird vorbereitet.
1984
Halle-Neustadt erhält ein eigenes Wappen.
1989
In Halle-Neustadt wird ein Rathaus gebaut, bis zur Deutschen Einheit aber nicht mehr fertiggestellt.
Mai 1990
Halle-Neustadt wird nach Halle eingemeindet.
April 1998
Erster Spatenstich für den Straßenbahnbau auf dem Grünstreifen der "Magistrale".
Februar 1999
Der Abriss des Kinos "Prisma" beginnt.
2000
Das Neustadt Centrum wird dort gebaut, wo bisher das Kino stand.
17. Juni 2003
Die GWG beginnt mit dem Abriss des ersten Wohngebäudes (Zwölfgeschosser Azaleenstraße 52-55).
Sommer 2004
In Halle-Neustadt werden 40 Jahre gefeiert.
Register
DDR = Deutsche Demokratische Republik - erster sozialistischer Staat auf deutschem Boden (07.10.1949 bis 02.10.1990)
Kaufhalle = DDR Supermarkt mit einem bunten Warenangebot (vorrangig Lebensmittel)
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