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Text: Martin Schramme, händelstadt-halle.de | letzte Aktualisierung: 14.02.2012
Ammendorf, 1950 nach Halle Saale (Sachsen-Anhalt) eingemeindet, hat ein giftiges Geheimnis. Lost. Der Blasen an Gliedmaßen und inneren Organen hervorrufende, langsam tödlich wirkende chemische Kampfstoff wurde hier während des so genannten Dritten Reiches produziert. Unter dem Tarnnamen Orgacid war Ammendorf anfangs sogar führend bei der Lost-Herstellung im Deutschen Reich und einziger ernsthafter und mit allen Mitteln bekämpfter Gegner des Chemiegiganten und Kampfstoffherstellers IG-Farben. Auch 2001 wurde das kontaminierte Gelände noch - wenn auch inzwischen routinemäßig - überwacht. In einem nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 vorübergehend geöffneten Bunker, in dem einst Lost-Vorräte lagerten, und in dem ihn umgebenden Boden gibt es noch immer übel riechende Kampfstoffreste, überwiegend Zersetzungsprodukte, die in ihrer Konzentration heute aber offiziell als unbedenklich gelten. Nach Probebohrungen, Wasserproben und Luftmessungen bis Mitte der 1990er Jahre hat die Stadt Halle den Fall offiziell abgeschlossen. Mit Muttererde und Absperrzaun. Der wieder versiegelte, innen geflieste, doppelwandige Betonbunker bleibt nicht zuletzt deshalb auf unbestimmte Zeit als ewiges Andenken an die Giftküche der Nazis im Boden, weil eine Sprengung und Beseitigung zu teuer ist, aber auch als zu riskant gilt. Schon die Russen waren daran gescheitert, den gesamten Giftgaskomplex zu entfernen. Derweil hat das lästige Erbe eine lange Vorgeschichte. So war es zunächst das für die Lost-Herstellung benötigte Vorfabrikat Oxol, das seit 1935 in Ammendorf eingelagert wurde. Absender: IG-Farben Ludwigshafen. Bereits seit 1925 produzierten die Giftmixer das Oxol. Nun ließ die Reichswehr täglich zwei Tonnen kommen (Vgl. Olaf Groehler: "Der lautlose Tod"). Bereits 1934, genau am 23. November, war die "Orgacid GmbH" ins Handelsregister der damaligen Reichshauptstadt Berlin eingetragen worden. Bis heute ist das geheimnisumwitterte Unternehmen gleichwohl ein Phantom geblieben. Als Giftsumpf, aus dem Dämpfe aufsteigen, die die Zunge pelzig werden lassen, gelangte Ammendorf so Mitte der 1990er Jahre in die Schlagzeilen des Hamburger Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Schon zu NS-Zeiten hatte es Probleme mit Gase im Zusammenhang mit der Produktion bei der Orgacid gegeben, so dass 1940 ein Gutachten gefertigt wurde. Etwas bekannter, weil bis zur Übernahme der Aktienmehrheit 1997 durch die VIAG in München eigenständig und seit 1999 Teil der Süddeutschen Kalkstickstoff-Werke AG (SKW), ist die Th. Goldschmidt AG, 1847 in Berlin gegründet, seit 1889 mit Hauptsitz Essen. Die Söhne (Hans und Karl) des Firmengründers, des Chemikers Dr. Theodor Goldschmidt (bereits vor der Orgacid auch in Halle tätig), waren es schließlich, die mit der Degussa (heute mit Sitz in Frankfurt/Main) über deren Uraltpartner Auer (Auergesellschaft) und dem Heereswaffenamt jene gewinnbringende Giftküche in Ammendorf mit 120.000 Reichsmark Startkapital anschoben. Im Buch von Olaf Groehler heißt es dazu: "Nach den Vorstellungen des Heereswaffenamtes sollte die Orgacid die Großproduktion von Lost (Gelbkreuz) in die Wege leiten. Dazu war ein ausgedehntes neues Werk in Ammendorf geplant. Außerdem sollte sie die notwendigen Kampfstofflager der Reichswehr einrichten. Die Kosten wurden vorerst auf 36 Millionen Reichsmark beziffert." Für die Th. Goldschmidt AG und die Auergesellschaft, die seit 1937 bei Mitwirkung des Heereswaffenamtes (HWA) je 50 Prozent hielten, war die Orgacid GmbH ein äußerst profitables Unternehmen und das, obwohl der Einsatz von Giftgas während des Zweiten Weltkriegs - aus taktischen Überlegungen - marginal blieb. Für die streng vertrauliche Staatsangelegenheit stellte der Staat enorme Mittel zur Verfügung. Immerhin 300.000 Tonnen Giftgase - Phosgen, Lost, Sarin und Tabun (um die bekanntesten zu nennen) - lagerten 1945 im Deutschen Reich und ein Teil davon in den Bunkern auf dem Werksgelände in Ammendorf, wo Lost und Senfgas hergestellt wurden. Groehler über die Bauarbeiten von 1935 bis 1939 in Ammendorf: "Bauschwerpunkt der Orgacid war das neue Kampfstoffwerk in unmittelbarer Nachbarschaft der dem Goldschmidt-Konzern gehörenden Chemischen Fabrik Buckau, einer der ältesten in Deutschland überhaupt, deren Sitz von Buckau nach Ammendorf verlegt worden war." (1921 hatte Goldschmidt - wegen der durch die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg verloren gegangenen Auslandsaktivitäten um Akquisition bemüht - die Aktienmehrheit an der Chemischen Fabrik Buckau AG, Magdeburg, mit dem Werk in Ammendorf erworben. Dort wurde vor allem Ätznatron für die Kunstseiden- und Textilindustrie, Ätzkali für die Seifenfabriken und Chlor für die Essener Weißblechentzinnung hergestellt.) Drei Anlagen seien entstanden, eine für das Lost-Vorprodukt Oxol, eine zur Umwandlung des Oxols in Lost und eine weitere zur Herstellung von Stickstofflost, eine kampftechnische Modifizierung des Hautgiftes Lost. Die ersten mit den neuen Anlagen produzierten Tonnen des Kampfstoffes Lost, der nach neueren Überlegungen der Nazis aus Flugzeugen versprüht werden sollte, standen im Mai 1938, die ersten Tonnen Stickstofflost im Oktober des selben Jahres zur Verfügung. Bereits im März 1936 konnte Ammendorf laut Groehler aus dem damals noch von den IG Farben gelieferten Oxol zwölf Tonnen Lost herstellen. Weit größere Mengen sollte die Orgacid nach den Vorstellungen der Giftgasbefürworter ausstoßen. Bereits Ende der 30er Jahre war die Rede von 3600 bis 5000 Tonnen Lost im Jahr. Doch das für die Produktion benötigte Chlor konnte nicht in den dafür benötigten Mengen zur Verfügung gestellt werden. Die Giftgasambitionen des Heereswaffenamtes scheiterten aber auch an der IG Farben, die als Chemiegigant und Monopolist am entscheidenden Hahn der Rohstoffzufuhr saß und nicht daran dachte, ihre eigene Schlüsselposition im profitablen Giftgasgeschäft an die Konkurrenz abzugeben. Seit 1939 war Dr. Eugen Möllney Orgacid-Betriebsdirektor. 1945 fiel Ammendorf erst in die Hände der Amerikaner, dann kamen die Russen. Die interessierten sich für die deutsche Technik. Denn im August 1945 unterschrieb Sowjetunion-Lenker Josef Stalin mehrere Verfügungen des Staatlichen Komitees zur Verteidigung, wonach Chemiewaffentechnik in Deutschland demontiert, in die UdSSR geschafft und dort wieder aufgebaut werden sollten.
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